Die Aktie von Siemens Energy gehört mit einem Zuwachs von 236 Prozent noch immer zu den absoluten Highflyern im deutschen Leitindex DAX in den vergangenen zwölf Monaten. In den vergangenen Wochen hat die Aktie jedoch merklich an Schwung verloren – vom jüngsten Rekordhoch bei 104,85 Euro hat sie inzwischen um mehr als 18 Prozent nachgegeben. Unter langfristigen Aspekten könnte für den einen oder anderen Anleger auf dem aktuellen Niveau durchaus eine gute Einstiegsmöglichkeit vorliegen.
Die Aktie von Siemens Energy legte in den vergangenen Monaten einen kometenhaften Anstieg hin. Kaum zu glauben, aber wahr – das Papier des Energietechnik-Unternehmens war im Oktober 2023 kurzzeitig für 6,40 Euro zu haben. Vor rund fünf Wochen erreichte die Aktie bei 104,85 Euro ein neues Rekordhoch. In der Zeit dazwischen hat sich jedoch einiges getan.
Mit seinem Portfolio an Produkten, Lösungen und Services deckt Siemens Energy nahezu die gesamte Energiewertschöpfungskette ab – von der Strom- und Wärmeerzeugung über die Energieübertragung bis hin zur Speicherung. Mit der Windkraft-Tochter Siemens Gamesa gehört Siemens Energy zu den Weltmarktführern bei Erneuerbaren Energien. Geschätzt ein Sechstel der weltweiten Stromerzeugung basiert auf Technologien von Siemens Energy. Doch die spanische Windkraft-Tochter sorgte 2023 für Probleme. Wegen der kriselnden Windsparte musste Siemens Energy im Oktober 2023 sogar Staatsgarantien erbitten. Die Börse witterte umgehend eine bevorstehende Verstaatlichung des Unternehmens und strafte die Aktie ab – am 26. Oktober 2023 ging es an nur einem Tag im Tief um beinahe 40 Prozent auf 6,40 Euro abwärts.
Mit dem Wissen von heute war dies möglicherweise eine einmalige Einstiegsgelegenheit. Siemens Energy benötigte die Staatsgarantien auch für neue Aufträge, da diese oft über viele Jahre laufen. Die Geschäfte liefen im Anschluss überaus gut. So gut, dass der Konzern die Staatsgarantien nicht mehr brauchte und sie im Juni 2025 an den Bund zurückgab.
Die Windsparte hat sich inzwischen zwar erholt, steckt aber noch immer in den roten Zahlen. Doch ansonsten lief es beim Münchener Unternehmen zuletzt mehr als gut. Von April bis Juni (bei Siemens Energy das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahrs) steigerte der Konzern seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 13,5 Prozent auf 9,75 Milliarden Euro. Mit 16,6 Milliarden Euro verzeichnete das Unternehmen im abgelaufenen Quartal den höchsten Auftragseingang seiner Geschichte. Inzwischen liegt der Auftragsbestand bei 136 Milliarden Euro, ebenfalls ein Rekord. Unter dem Strich erwirtschaftete Siemens Energy einen Gewinn von 697 Millionen Euro – vor Jahresfrist musste das Unternehmen noch einen Verlust melden.
Besonders viele Aufträge konnte Siemens Energy zuletzt in den USA an Land ziehen. Dort hat sich der Auftragseingang im Jahresvergleich nahezu verdreifacht. Die Vereinigten Staaten sind inzwischen auch der wichtigste Einzelmarkt für den Konzern. Der US-Umsatz war im abgelaufenen Quartal mit mehr als 2,4 Milliarden Euro fast dreimal so hoch wie auf dem Heimatmarkt Deutschland. Übrigens: Die Auswirkungen der US-Zollpolitik dürften vergleichsweise überschaubar sein, da der Konzern in den USA acht Werke betreibt und dort rund 12.000 Menschen beschäftigt.
Ob klassische Kraftwerkstechnik, Wartungsdienstleistungen oder Technologien für Stromnetze – der globale Energiehunger sorgt bei Siemens Energy für volle Auftragsbücher. Hervorzuheben ist vor allem der enorme Energiebedarf für Künstliche Intelligenz (KI). Die Rechenzentren werden immer größer und leistungsfähiger, weshalb der Stromverbrauch explodiert. Prognosen zufolge soll der Stromverbrauch in diesem Bereich bis 2023 um jährlich 50 Prozent steigen.
Die Aktie ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen, doch konnte der Konzern den Anstieg mit einer starken Geschäftsentwicklung untermauern. Vom weltweiten Energiehunger, der in den kommenden Jahren auch wegen KI noch deutlich zunehmen sollte, dürfte Siemens Energy überproportional profitieren. Inzwischen notiert die Aktie in der Nähe des Juni-Tiefs bei 82,10 Euro. Geht es darunter, taucht die nächste Unterstützung erst am aktuell bei 70,41 Euro verlaufenden 200-Tage-Durchschnitt auf. Eine mögliche Übertreibung nach oben sollte inzwischen jedoch abgebaut sein. Interessierte Anleger bekommen die Aktie aktuell rund 18 Prozent günstiger als noch vor rund fünf Wochen, als sie bei 104,85 Euro ein Rekordhoch erreichte. Eine Erholung bis an die aktuell bei 94,77 Euro verlaufende 38-Tage-Linie erscheint durchaus möglich. In einem gegen Jahresende wieder besseren Marktumfeld könnte sogar auch das Rekordhoch wieder ein Thema werden.




