Die gesamte Börsenwelt blickte gestern Abend nach Kalifornien, wo der Chipkonzern NVIDIA nach US-Börsenschluss seine Bücher zum zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs öffnete. NVIDIA präsentierte einmal mehr starke Geschäftszahlen, konnte die hohen Markterwartungen jedoch lediglich minimal übertreffen. Die Aktie gab nachbörslich leicht nach.
Die Chipkonzern und KI-Gigant NVIDIA legte gestern Abend seine Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahrs 2025 vor. Die Frage, die sich am Markt im Vorfeld fast alle stellten: Hält der KI-Boom an? Sie lässt sich mit einem „Ja“ beantworten, allerdings ist im Detail eine leichte Abschwächung des Booms zu erkennen.
NVIDIA erzielte im zweiten Quartal Umsätze in Höhe von 46,7 Milliarden US-Dollar. Das waren rund eine halbe Milliarde Dollar mehr als von der Wall Street erwartet und satte 56 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Im Vergleich zum Vorquartal fiel das Wachstum mit gut 6 Prozent allerdings schon etwas nüchterner aus. Den Gewinn steigerte der Konzern auf Jahressicht sogar um 59 Prozent auf 26,4 Milliarden Dollar. Auch hier konnten die Markterwartungen ganz leicht übertroffen werden. Mit einer Bruttomarge von 72,4 Prozent ist der Konzern weiterhin hochprofitabel. Umsätze mit seinen extra für den chinesischen Markt entwickelten H20-Chips erzielte er kaum. Wegen der US-Exportbeschränkungen durfte NVIDIA keine Chips ins Reich der Mitte liefern. Jedoch nahm ein anonymer Großkunde einige Tausend für den chinesischen Markt bestimmte H20-Chips im Wert von über 600 Millionen Dollar ab.
Wie so häufig versuchen einige Analysten, ein Haar in der Suppe zu finden. Dieses war dann auch schnell gefunden, denn beim Geschäft mit Technik für Rechenzentren – hier erlöste der Konzern 41,1 Milliarden Dollar – blieb der Konzern leicht hinter den Markterwartungen zurück. Ausgerechnet der Umsatz mit den Supercomputern ist im vergangenen Quartal nicht mehr gewachsen, sondern um 1 Prozent gefallen. Und dieser Bereich ist es auch, der einigen Analysten Bauchschmerzen bereitet. Etwa die Hälfte aller Rechenzentrums-Umsätze stammen von nur vier großen US-Tech-Konzernen: Alphabet, Amazon, Microsoft und Meta. Sollten diese Unternehmen ihre KI-Investitionen zurückschrauben, würde dies NVIDIA empfindlich treffen. Das Geschäft mit Grafikkarten, mit dem NVIDIA einst groß wurde, steuerte im vergangenen Quartal lediglich rund 4 Milliarden Dollar zum Umsatz bei.
Beim Ausblick auf das laufende dritte Quartal gab es auch keine Überraschung. NVIDIA peilt Erlöse in Höhe von 54 Milliarden Dollar an, was der Markt zuvor bereits erwartet hatte. In der Prognose sind weiterhin keine H20-Umsätze in China berücksichtigt. Zwar haben die USA ihre Exportbeschränkungen für US-Technologie ins Reich der Mitte gelockert, doch weigert sich Peking nun, die H20-Chips zu kaufen. Zum einen äußerte China jüngst Sicherheitsbedenken, da die Regierung befürchtet, dass die Chips über Tracking-Technologien verfügen oder via eingebaute „Hintertüren“ auch ferngesteuert werden könnten. Zum anderen ist China inzwischen ebenfalls in der Lage, konkurrenzfähige KI-Chips zu produzieren.
Die NVIDIA-Zahlen waren erneut beeindruckend, allerdings scheint der KI-Hochgeschwindigkeitszug etwas an Schubkraft zu verlieren. Noch ist die KI-Nachfrage enorm, sodass NVIDIA noch einige Quartale wachsen kann. Wachstumsraten von 50 Prozent dürften jedoch der Vergangenheit angehören.
Die NVIDIA-Aktie erreichte erst am 12. August bei 184,48 US-Dollar ein neues Rekordhoch. Gestern ging das Papier des KI-Riesen bei 181,60 Dollar zwar im Dunstkreis der Bestmarke aus dem Handel, doch ging es im nachbörslichen Handel auf etwas über 176 Dollar abwärts. Setzt die Aktie ihren Höhenflug fort und nimmt das Rekordhoch heraus, eröffnet sich auf der Oberseite naturgemäß reichlich Spielraum. Die Analysten von JPMorgan bestätigten im Anschluss an die Zahlen ihr „Overweight“-Rating für die NVIDIA-Aktie und erhöhten ihr Kursziel von 170 auf 215 Dollar. Kommt es hingegen erst einmal zu Gewinnmitnahmen, könnte die aktuell bei 169,23 Dollar verlaufende 50-Tage-Linie durchaus wieder in den Fokus rücken. Als zusätzliche Unterstützung dürfte das August-Hoch dienen, das bei 168,80 Dollar verläuft. Sollte es weiter abwärts gehen, müsste das Zwischentief vom 22. Juli bei 164,58 Dollar für Halt sorgen. Das übergeordnete Chartbild würde sich selbst einem Rücksetzer auf die Hochpunkte vom Januar bei 153,13 Dollar und November 2024 bei 152,89 Dollar noch nicht gravierend eintrüben.




